Über den Roman

Über die Entstehungsgeschichte von „Zelda Fitzgerald – ‘So leben, dass ich frei atmen kann’“

„Zelda Fitzgerald – ‘So leben, dass ich frei atmen kann’“ ist mein Debütroman. Er erschien im September 2010 im kleinen, aber feinen Berliner Verlag AvivA, gegründet 1997 von der Literaturwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin Britta Jürgs.

Auf Zelda und F. Scott Fitzgerald stieß ich, als ich im Sommer 2007 nach Urlaubslektüre suchte: In einem Wühltisch fiel mir das Taschenbuch „F. Scott und Zelda Fitzgerald: Lover! Briefe.“ in die Hände. (DVA, München 2005) Liebesbriefe anderer Leute sind immer interessant – das Buch wanderte in den Koffer … Ich wusste wenig über die Fitzgeralds, kannte keines ihrer Werke – und freute mich auf eine nette Lektüre, wenn auch der Klappentext des Taschenbuchs Dramatik verhieß.

Und dann saß ich in einem Ostseestrandkorb, las und entdeckte, dass Scott Fitzgerald schwer alkoholkrank gewesen und Zelda nach zehn Jahren Ehe mit ihm in der Psychiatrie gelandet war … Ich stieß auf Ungereimtheiten: Im Juni 1930 hatten Psychiater der Schweizer Privatklinik Les Rives des Prangins bei Zelda Fitzgerald Schizophrenie diagnostiziert. Im selben Monat jedoch schrieb Zelda einen seitenlangen, absolut kohärenten Brief an ihren Mann, in dem sie unmissverständlich die Scheidung fordert. Meine journalistische Neugier war geweckt: Was war hier wirklich passiert?

Wieder zu Hause, begann ich, in Biografien über Biografien über Scott und Zelda zu recherchieren – ein ganzes Jahr lang. Bis ich die Puzzle der Tragödie Zeldas richtig ineinander fügen konnte …

 

Bedeutsame Entdeckungen

Fünf weitere Entdeckungen stellten sich dabei als sehr bedeutsam heraus: Die erste war die Tatsache, dass die Biografie „Zelda“ der Amerikanerin Nancy Milford aus dem Jahre 1970 von Scottie Fitzgerald (geb. 1921), der Tochter des berühmten Paares, und dem Biografen ihres Vaters, Matthew J. Bruccoli, zensiert worden war.

Ihrer Biografie „Zelda“ hat Nancy Milford das Motto „Biografie ist die verlogenste aller Kunstformen“ vorangestellt – ein Zitat aus F. Scott Fitzgeralds „Notebook“. Ich fand das merkwürdig – welche Biografin demontiert ihr eigenes Werk? Offensichtlich hatte Milford etwas geschrieben bzw. war etwas unter ihrem Namen erschienen, wovon sie sich mit Hilfe des vorangestellten Mottos zu distanzieren suchte, geschickterweise auch noch durch einen Ausspruch Scott Fitzgeralds. – Die Erklärung dafür fand ich bei der Biografin Kendall Taylor: „Sometimes Madness is Wisdom“, New York 2001, S. 364: Scottie Fitzgerald hatte die Vielzahl an ungeordneten Briefen ihrer Mutter und deren Notizbücher, die sie der Biografin Nancy Milford für deren Arbeit überlassen hatte, als auch deren Manuskript „Zelda“ eingefordert und es vom Biografen ihres Vaters überarbeiten lassen. Und die Biografin Sally Cline ergänzt in ihrer 2002 erschienenen Biografie „Zelda Fitzgerald – Her Voice in Paradise“ (S. 406, Punkt 10), dass Scottie Fitzgerald bei der Lektüre des Manuskripts von Nancy Milford mit Selbstmord gedroht hatte …

 

Ein verschwundenes Protokoll

Ebenso misstrauisch werden ließ mich der Fakt, dass das Protokoll eines langen Gesprächs zwischen Zelda, Scott und dem Psychiater Dr. Rennie im Mai 1933, in dem Zelda abermals sehr klar ihren Wunsch nach Scheidung und bittere Wahrheiten über ihren Mann verkündet, nach dem Erscheinen von Nancy Milfords Biografie „Zelda“ verschwunden war. Zeldas Freundin Sara Mayfield fand das 114 Seiten umfassende Protokoll nicht mehr vor, als sie es für ihre 1971 erschienenen Erinnerungen „Exiles from Paradise. Zelda and Scott Fitzgerald“ benötigte. Erst 1991 wird jenes Protokoll wieder als Quelle benannt – als Mikrofilm war es im Johns-Hopkins-Hospital Baltimore wieder aufgetaucht, und Matthew J. Bruccoli zitiert daraus in seiner überarbeiteten Biografie „Some Sort of Epic Grandeur. The Life of F. Scott Fitzgerald“ (Columbia 1991). Im Vorwort äußert der Biograf, es gäbe jetzt mehr Fakten. Fünf Jahre zuvor war Scottie Fitzgerald verstorben, der Bruccoli 1981 die erste Fassung seiner Biografie über ihren Vater mit den Worten „To Scottie. For 9 October 1964“ gewidmet hatte.

 

Scott log

Eine weitere wichtige Entdeckung war, dass F. Scott Fitzgerald – wie oft nachweisbar – auch da gelogen hatte, als er seiner Geliebten erzählte, Zeldas ‘Schizophrenie’ hätte damit begonnen, dass sie Sand nach Hause gebracht und damit im Wohnzimmer kleine Türmchen gebaut habe, worauf er Zelda zu einem Arzt gebracht hätte. (Quelle: Sheilah Graham: „Die furchtlosen Memoiren der Sheilah Graham“, Wiesbaden 1968)

Meine Recherchen ergaben anhand der von Zelda geschilderten Symptome (in ihren Briefen an Scott und ihre spätere Ärztin Dr. Mildred Squires, Phipps-Klinik Baltimore) jedoch eindeutig, dass sie im Frühjahr 1930 einen Burnout erlitten hatte und es ihre Pariser Ballettlehrerin Ljubow Jegorowa war, die dafür sorgte, dass Zelda freiwillig (es gab niemals eine Zwangseinweisung) die Pariser Klinik Malmaison aufsuchte.

 

Zeldas Roman „Save Me the Waltz“ sollte die Basis für ein Leben ohne Scott werden

Zelda Fitzgeralds im Jahre 1932 veröffentlichter Roman „Save Me the Waltz“ war als Enthüllungsroman angelegt, der durch Scott und dessen Lektor Perkins beim Scribner’s Verlag um ein Drittel (ca. 100 Seiten) gekürzt wurde. Nach Scotts Helden und Alter Ego aus „Diesseits vom Paradies“ hatte Zelda in der Urfassung ihres Romans ihren Helden „Amory Blaine“ genannt; der Name wurde geändert, ebenso der ursprüngliche Titel. „Zeldas Originalversion war sehr provokativ und enthielt rachsüchtige Angriffe gegen Scott als Ehemann und Schriftsteller sowie skandalöses Material über ihr Privatleben.“ Ein Mitarbeiter der promotion department des Scribner’s Verlags New York hatte Zeldas Originalmanuskript gelesen, ehe es für immer verschwand. (Quelle: Kendall Taylor: „Sometimes Madness is Wisdom“, New York 2001, Seite 259/260)

Zelda hatte also einen Enthüllungsroman geschrieben und auf einen Bestseller gehofft, der ihr „die nötige Sicherheit bringen würde, die Scheidung von Scott einzureichen und für sich und Scottie ein neues Leben zu beginnen.“ (Sara Mayfield: „Exiles from Paradise. Zelda and Scott Fitzgerald“, New York 1971, Seite 181)

Nach dem verhinderten Enthüllungsroman (erschienen im Oktober 1932 im Scribner’s Verlag, dem Verlag ihres Mannes) hatte Zelda sofort ihren zweiten Roman „Caesar’s Things“ begonnen, womit Zeldas Verhängnis seinen weiteren Lauf nahm. Denn die seit Februar 1930 von Zelda immer wieder geforderte Scheidung lehnte Scott nach wie vor ab, bis auf ein einziges kurzes Mal Anfang Juni 1933. Den Gedanken daran verwarf er jedoch schnell: „(…) denn das ließe Zelda in ihrem neuen Roman freien Lauf zu sagen, was immer sie wünschte“ (Sara Mayfield: „Exiles from Paradise“, New York 1971, S. 199)

 

Scotts Taktik ging auf

Scotts Taktik, notiert in seinem ‘Notebook’ von 1933, lautete daher wie folgt: „Angriff auf allen Ebenen: Theaterstück (unterdrücken), Roman (verzögern), Bilder (unterdrücken), Charakter (angreifen), Kind (entfremden), Tagesablauf (durcheinander bringen, um Streit und Unruhe hervorzurufen). Kein Maschineschreiben. Wahrscheinliches Resultat: neuer Nervenzusammenbruch.“ (Quelle: Scott Donaldson: „Fool for Love. F. Scott Fitzgerald“, New York 1983, S. 86)

Und bereits im April 1933 hatte Fitzgerald von Dr. Meyer, Psychiater an der Phipps-Klinik Baltimore, ein Schriftstück verlangt, das ihn ermächtigen sollte, Zelda jederzeit – auch gegen ihren Willen – in die Psychiatrie zu bringen. Dr. Meyer hatte Fitzgeralds Ansinnen abgelehnt. (Quelle: Kendall Taylor: „Sometimes Madness is Wisdom“, New York 2001, S. 272/273)

Ein Ehekrimi, wie er im Buche steht, und der es mir wert schien, literarisch aufgearbeitet zu werden. Der Biograf Matthew J. Bruccoli sagt im Vorwort seiner Fitzgerald-Biografie: „Sie hatten sich in einem gefährlichen Spiel verschworen, für das nur sie die Regeln kannten.“ Zelda verlor das gefährliche Spiel als erste …

(Alle Zitat-Übersetzungen im Text „Entstehungsgeschichte“ durch die Autorin.)